Atelierbesuch

Im Mai, als die meisten Museen und Galerien in Baden-Württemberg aufgrund der Corona-Pandemie noch geschlossen haben mussten, traf ich mich in Tübingen mit der Künstlerin ruthrosa. Auf einem ehemaligen Industriegelände finden sich Soundwerkstätten und Ateliers von Künstler*innen. So auch ruthrosas. Ihr etwa 200 qm2 großes Atelier, in dem sie seit 2017 arbeitet, ermöglicht ihr, ganz andere Kunstwerke zu schaffen, als sie es in ihrem kleineren Atelier in ihrer zweiten Heimat, dem Schwarzwald, könnte. Schon hier wird deutlich wie sehr der Mensch von seiner Umgebung geprägt wird. Ein Thema, über das wir lange miteinander gesprochen haben. Immerhin fand mein Besuch nicht ohne Grund statt. Ich wollte herausfinden, inwieweit das Thema Klimawandel/Zeitalter des Anthropozäns und das Verhältnis zwischen dem Menschen und der Natur Kunstschaffende prägt.

In ruthrosas sehr vielfältigen Arbeiten wird diesen Fragen auf sehr unterschiedliche Weise nachgegangen. Gemeinsam sind allen insbesondere das Sichtbarmachen, das Aufzeigen der ökologischen Vielfalt und der Versuch, durch Ästhetik die Betrachtenden anzuziehen und so auf sanfte Weise an die Thematik, nämlich die Gefährdung eben dieser Vielfalt, hinzuführen.

Durch die Digitalisierung sieht ruthrosa eine zunehmende Beschleunigung der Entfremdung des Menschen von der Natur. Auf der einen Seite durch die Perfektionierung des Menschen selbst, wie in so vielen Social-Media-Accounts, in denen Filter die eigene Natürlichkeit kaum mehr sichtbar machen. Auf der anderen Seite findet sich diese Optimierung des menschlichen Ichs auch in der Natur wieder, vor allem in der Landwirtschaft, deren Produktivität durch technische Mittel immer weiter gesteigert werden soll.

Digitalisierung und Technik sind eines der beiden Motive, die sich konstant durch ruthrosas Arbeit ziehen. Dabei schwingt stets eine Skepsis gegenüber deren Möglichkeiten und deren Umformung unseres Alltags und Ästhetik mit. So auch in ihrer neuen Klanginstallation mit dem Titel „I wandered lonely as a cloud“ nach einem Gedicht von William Wordsworth. In dieser Arbeit wird dem Verhältnis Natur und Technik durch von Schauspielerinnen und Computerstimmen eingesprochenen Texte über Wolken und Datencloud nachgegangen. Wurden in Suchmaschinen noch vor etwa fünf Jahren beim Stichwort cloud sowohl Links zur Naturwolke wie das Gedicht von Wordsworth, als auch zur Datenspeicherung, angezeigt, ist Gedicht und Wolke nun komplett verschwunden, nur die Datenspeicherung ist geblieben. Gedichte über Wolken treffen etwa auf die Problematik des Energieverbrauchs durch Datenspeicherung. Ruthrosa möchte so auch auf die Abhängigkeit des Menschen von Technik und die Verdrängung der Natur durch Technik aufmerksam machen. Gleichzeitig würden sich Wissensgenerierung und der Bedeutungshorizont durch die digitale Cloud verschieben. Der Mensch präge die Algorithmen, während die Algorithmen wiederum den Menschen beeinflussen würden. Ein Rückkopplungseffekt, der sich auch im Verhältnis Mensch-Natur beobachten lässt. Es ist daher vielleicht nicht verwunderlich, dass die Installation mit den dunklen, verschlungenen Kabeln bedrohlich über den Betrachtenden schwebt.

Ein weiteres über Jahrzehnte immer wieder aufgegriffenes Motiv in ruthrosas Arbeit sind Flechten. Auch wenn diese vordergründig nichts sind, mit dem sich Menschen ästhetisch beschäftigen, so stellen sie als Zwitterwesen aus Alge und Pilz doch eine Besonderheit dar. Das Pilzgeflecht schützt die Alge, die Alge sichert durch Photosynthese die Ernährung. Jede Flechte besteht aus einer anderen Zusammensetzung von Pilz und Alge. Eine kongeniale Beziehung. Als ruthrosa 1982 in Amerika die Route 66 entlangfuhr, gelangte sie zu einer Stelle, an der der Wald an das Meer grenzt. Auf dem Strand lagen Algen, vom Meer ans Land gespült. Diese Algen fanden sich morphologisch auch in den Flechten der Bäume wieder. Die Entwicklung des Lebendigen vom Wasser zum Land. Ein schönes Bild der Evolution. Für ruthrosa sind Flechten Überlebenskünstler. In diesem Sinne auch ein Vor- und/oder Spiegelbild des Menschen, je nach Betrachtungsweise. So verweben sich in ihrer Arbeit Technik und Natur, wie beides auch dem Menschen als Technik- und Naturwesen immanent ist.

Kunst ist für ruthrosa eine eigene Sprache, die mit ihren eigenen Mitteln gesellschaftliche Problematiken transformieren kann. Subtil und ästhetisch anspruchsvoll tut ruthrosa das in ihren Werken. Wenn Kunst Reflexionsraum ist, gilt auch die politische Forderung, ihr einen gesicherten, nicht nur finanziell aber auch, und unabhängigen Platz in der Gesellschaft zu gewähren. Denn nur so können aktuelle, brennende Themen ästhetisch umgesetzt werden, ja überhaupt erst zustande kommen. 

Viele Gedanken nahm ich mit nach Hause: Über die Wirkung und Folgen von Technik, über Flechten, denen ich bisher tatsächlich keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und über die Frage, was Natur heute überhaupt noch ist und wie wir Menschen dazu in Bezug zu setzen sind.