Interview

Laura Deigner: ruthrosa Sie arbeiten und leben sowohl in Tübingen als auch im Schwarzwald. Inwieweit prägen diese unterschiedlichen Umgebungen Ihre Arbeiten? Auch hinsichtlich des Unterschieds einer städtischen und ländlichen Umgebung?

ruthrosa: Nun ja, Tübingen ist jetzt nicht die krasse Großstadt, der Unterschied scheint zunächst nicht so markant. Trotzdem ist er da. Die Natur ist an unserem Standort im Schwarzwald präsenter. Auch durch die direkte Beschäftigung mit ihr, dem Gemüsegarten und den Haustieren. Die Luft ist anders, meist kühler und riecht nach Wald und Moos. Die Geräusche sind andere, man hört andere Tiere, den Bach, weniger technische Geräusche, mehr Ruhe, auch mehr Ruhe zum Nachdenken. Andererseits vermisse ich nach einiger Zeit, ich sag jetzt mal das geistige Grundrauschen von Tübingen und meine große Werkstatt, in der ganz andere Werke entstehen können, als im kleinen Atelier im Dachspitz eines alten Schwarzwaldhäuschens.   

Laura Deigner: Welche Materialien verwenden Sie für Ihre Kunstwerke? Haben diese eine bestimmte Bedeutung? Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit/Ökologie dabei?

ruthrosa: Zunächst entwickele ich ein Thema, aus dem Thema heraus ergibt sich das Material. In der Malerei bevorzuge ich die Ölmalerei. Sie erlaubt feine Übergänge und hat, so finde ich, eine höhere Strahlkraft als zum Beispiel Acryl. Dabei stelle ich meine Farben mit Pigmente selbst her. Ebenso baue ich die Leinwand selbst, so kann ich spezielle Größen bestimmen und die Art der Leinwand, also fein oder grob, ebenso die Grundierung, soll sie dicht und sehr weiß sein, oder soll die Struktur noch durchscheinen.

Aus dem Gedanken der Nachhaltigkeit heraus habe ich 2014 ein Jahr lang mit Naturfarbstoffen experimentiert. Das heißt ich habe recherchiert welche Pflanzen wurden im europäischen Kulturkreis für das Färben von Stoffen verwendet, ehe vor etwa 100 Jahren dieses über Jahrtausende tradierte Wissen schlagartig von den chemischen Farbstoffen ausgelöscht wurde. In praktischen Versuchsreihen habe ich mit verschiedenen Pflanzen verschiedene Stoffe gefärbt. Der gleiche Farbstoff ergibt sehr unterschiedliche Färbungen, etwa ziemlich hell auf dem holzhaltigen Leinen oder sehr intensiv auf der proteinhaltigen Seide. Die gewählten Stoffe sind allesamt nachhaltig hergestellt und zertifiziert. 

In Kooperation mit anderen Handwerkern sind daraus Leuchtobjekte entstanden, die sanften Naturfarben kommen dabei besonders gut zur Geltung, aber auch abstrakte Wandobjekte.

Textil und Faden ist eines der durchgängigen Themen in meinem Werk. Was viele nicht wissen, ist, dass die Entstehung der Digitalität eng mit dem Weben `verwoben´ ist. Das ist es auch, was mir an diesem Thema gefällt: die Verbindung von Hand und Intellekt, von einer uralten mit der Menschheitsgeschichte eng verbundenen Technik  mit der heutigen Zeit.

Laura Deigner: Welche Rolle spielen Ihre Biografie und der Klimawandel für die Thematiken, die Ihre Kunstwerke aufgreifen?

ruthrosa: Biografie spielt natürlich immer eine Rolle, bei allem was wir tun. Ich denke, dass ich von meinem Elternhaus eine gute Kenntnis über Pflanzen und Tiere, Gartenbau und das sorgfältige Beobachten der Umgebung mitbekommen habe. Das wünsche ich mir auch für das Aufwachsen heutiger Kinder. Die Notwendigkeit zeigt sich mehr denn je im Hinblick der fortschreitenden Digitalisierung jeglichen Lebensbereiches und des Klimawandels. Zahlen wie viel Prozent der Insekten zum Beispiel bei uns in den letzten Jahrzehnten verschwunden sind, sind erschreckend, aber sie kommen nicht wirklich bei den Menschen an, bleiben abstrakt. Erst wenn wir die Pflanzen und Tiere kennen können wir ein Gefühl für sie entwickeln und haben das Bedürfnis sie zu beschützen oder ihren Lebensraum nicht zu zerstören. Überhaupt wäre es so wichtig, dass wir von klein auf lernen, dass wir diese Welt mit vielen anderen Lebewesen teilen, die das gleiche Recht auf dieser Erde haben wie wir. Ungeachtet dessen, ob sie für uns „nützlich“ sind oder nicht, ob wir sie schön finden oder hässlich, denn der Zusammenhang aller Lebewesen ist größer als wir Menschen es je begreifen können. Wir Menschen sind abhängig von den Pflanzen und Tieren, nicht umgekehrt, also sollten wir sie mit Respekt behandeln und begreifen, dass wir keine Sonderstellung in diesem komplexen Netzwerk haben.

Diese Grundgedanken sind Teil meines künstlerischen Schaffens. Dabei interessiert mich nicht das offensichtliche, dasjenige über das immer und überall gesprochen wird. Wenn ich zum Beispiel das Thema Insektensterben künstlerisch umsetzen möchte, dann thematisiere ich nicht die für uns nützlichen Honigbienen oder die schönen Schmetterlinge, sondern die von uns unbeachteten Schwebfliegen. Über fünfhundert Arten gibt bzw. gab es in Europa. Ihre Individuen- und Artenzahl ist drastisch zurückgegangen, zum Teil bis über 90%. Manche von ihnen sind unglaubliche Spezialisten, zum Beispiel nur auf einer Blumenart zu finden, oder nur in einem eingeschränkten Gebiet, wie ihre Namen zeigen: Waldschneisenschwebfliege, Frühlingsschwebfliege, Torfschwebfliege und viele mehr. Andere Namen spielen auf ihre Rückenzeichnungen ab, wie die Totenkopf- oder die Mondschwebfliege. Diese Rückenzeichnungen ergeben für sich betrachtet sehr ästhetische und geheimnisvolle Muster. Sie haben mich zu Zeichnungen und Malerei inspiriert.   

Laura Deigner: Sind Sie in Ihrer Arbeit von anderen Kunstschaffenden beeinflusst?

ruthrosa: Ja, sicherlich, auch wenn ich jetzt niemand namentlich nennen kann, beschäftige ich mich ständig mit anderen Kunstschaffenden jeglicher Sparte.  Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich nicht die großen Gesten, den Wow-Effekt spannend finde, sondern das was in mehreren Ebenen angelegt ist und einen gedanklichen Nachhall hat. Die Anthologie „ALL DIES HIER; MAJESTÄT; IST DEINS – LYRIK IM ANTHROPOZÄN“, oder von Stefano Mancuso „Die Pflanzen und ihre Rechte“ liegen gerade zum lesen bereit.

Laura Deigner: Haben Ihre Kunstwerke eine Botschaft? Sind sie politisch? Soll gesellschaftlich etwas verändert werden?

ruthrosa: Kunst muss nicht politisch sein. Sie muss nicht zielgerichtet irgendwelche Erwartungen erfüllen. Das unterscheidet sie ja grundsätzlich von anderem Tun. Sie ist aber eben alles andere als eine Freizeitbeschäftigung. Sie kann ziemlich anstrengend sein und immer hat man das Gefühl nicht genug zu geben, nicht die adäquate Umsetzung gefunden zu haben. Insbesondere, wenn wie in meinem Fall zunächst ein Konzept zugrunde liegt, Worte, Gedanken in eine andere Sprache bringen soll. Dabei möchte ich vor allem ein Nachdenken über gesellschaftliche Ist-Zustände und daraus sicherlich resultierend ein bewussteres und verändertes Handeln anregen. Meine Schwerpunktthemen sind die Durchdringung der Digitalisierung jeglichen Lebensbereiches und die rasante Zerstörung der Natur. Ja, das ist für mich politisch.

Laura Deigner: Welche Rolle spielt die Kunst allgemein für Sie in Bezug auf die aktuellen Klimawandeldebatten und das Verhältnis Mensch-Natur-Technik?

ruthrosa: Ich war aktuell auf der Architektur Biennale in Venedig mit dem Titel : How will we life together? Das ist sicherlich die Frage der Zukunft hinsichtlich Klimawandel und Umweltkatastrophen. Interessant war aber nicht nur der thematische Hintergrund, sondern auch das Wie der Umsetzung. Dabei ist mir aufgefallen, dass es vor allem Kollektive mit den unterschiedlichsten Ansätzen, Berufssparten, Denkweisen sind, die versuchten darauf eine Antwort zu geben. Kollektive zusammengesetzt aus den unterschiedlichsten Kunstrichtungen. Und ich denke schon, dass das ein Weg sein kann gemeinsam ungewöhnliche Lösungen zu erarbeiten.

Laura Deigner: Glauben Sie, Ihre Arbeiten würden dieselben Themen behandeln, wenn wir nicht im Zeitalter des Anthropozäns leben würden?

ruthrosa: Wenn ich heute dasselbe tue, wie etwa vor 25 Jahren bedeutet es im Kontext der heutigen Zeit etwas anderes, werden andere Gefühle und Gedanken ausgelöst. Natur und ihre Vielfalt hat mich schon immer inspiriert und interessiert, manche Themen ziehen sich über Jahrzehnte durch, aber das Zeitalter des Anthropozäns wirkt darauf plötzlich wie ein Brennglas, fokussiert, schärft den Blick und die Gedanken auf alte Themen neu. Ja und andere Themen kommen auf Grund unserer heutigen Zeit und der Umweltproblematik hinzu. Ich kann schon sagen, dass das meine Arbeiten grundlegend durchdringt.

Laura Deigner: Auch in den Geisteswissenschaften wird die Umweltproblematik aufgegriffen. In den Literaturwissenschaften unter dem Konzept des Ecocriticism. In der Kunstgeschichte als so genannten Ecoart. Würden Sie Ihre eigene Kunst unter diesem Konzept verorten?

ruthrosa: Ja, dem würde ich größtenteils zustimmen. Die Ecoart, ich benutze meistens den Begriff Eco-aesthetics, gibt die Möglichkeit das Spannungsfeld  zwischen Zerstörung und Ästhetik der Natur zu zeigen.

Die Natur ist phantasievoll und komplex. Komplexer als wir Menschen es begreifen und berechnen können. Das äußert sich in all ihren Erscheinungen, sowohl was die von den Menschen verursachten Auswirkungen auf das Klima und die Artenvielfalt betrifft, als auch in ihrem ästhetischen Reichtum. Die Komplexität und auch Fragilität von Klima, Artenvielfalt und ästhetischem Reichtum zeigt sich selbst in den allerkleinsten Dingen. Als Beispiel möchte ich die Feuerbohne erwähnen. Jede Bohne ist in Form, Farbe und Zeichnung einzigartig. Selbst wenn wir die eine Seite der Bohne kennen, können wir nicht voraussagen, wie sie auf der anderen gezeichnet ist.. Feuerbohne ist jedoch nicht gleich Feuerbohne. Sie sieht in Österreich, wo sie „Käferbohne“ genannt wird anders aus als in unserer Region wo sie viele unter „Schwabenbohne“ kennen. Eine Sensibilisierung für den ästhetischen Reichtum bedeutet gleichzeitig auch darauf aufmerksam zu machen Artenvielfalt und Sortenreichtum zu erhalten.

Laura Deigner: Wir haben nun viel über Natur, das Verhältnis zum Menschen und über Technik gesprochen. Könnten Sie noch definieren, was Sie überhaupt unter dem Begriff Natur verstehen und ggf. erklären, wie sich dieser gewandelt hat?

ruthrosa: Das ist eine schwierige Frage, weil ich die Genese des Begriffes nicht wirklich kenne. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Der Mensch ist Teil derselben, auf sie angewiesen, versucht aber mittels seines Intellekts sich ihrer zu bemächtigen und über sie zu stellen. Er ist aber auch in der Lage über sein Verhältnis zu ihr nachzudenken und diesen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Mit Beginn der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts begann künstlerisch gesehen die Auseinandersetzung mit der Zerstörung der Natur durch Menschenhand. Im 20. Jhr. warf die humangenetische Forschung die Frage nach den Grenzen der Machbarkeit auf. Und heute im 21. Jhr. sehen wir uns der Bedrohung des gesamten Planeten gegenüber.

Laura Deigner: Manche Ihrer Arbeiten zeigen Bilder vom Himmel oder Wetterphänomene. Woher rührt Ihr Interesse an diesen Darstellungen? Prägt die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Klimawandel diese Arbeiten?

ruthrosa: Der Ausgangspunkt war die Beobachtung wie sich der Bedeutungshorizont des englischen Begriffes `cloud´ (Wolke) veränderte, ab dem Zeitpunkt als der Begriff `cloud´ für Datenspeicherung benutzt wurde. Diverse Suchmaschinen führen heute keinen Link mehr zu cloud als Naturphänomen. Wir sind nicht nur Nutzer der digitalen Maschinen, sondern umgekehrt wird auch unser Handeln und Denken, das Aussehen unserer Welt von ihnen formatiert.

„Wir hinken dem digitalen Medium hinterher, das unterhalb bewusster Entscheidung unser Verhalten, unsere Wahrnehmung, unsere Empfindung, unser Denken, unser Zusammenleben entscheidend verändert. Wir berauschen uns heute am digitalen Medium, ohne dass wir die Folgen dieses Rausches vollständig abschätzen können.“ (Byung-Chul Han, Im Schwarm. Ansichten des Digitalen, Matthes & Seitz, Berlin 2014, S.5)

Zu diesem Thema habe ich eine Soundinstallation konzipiert. Aus Datenkabel entstand ein etwa drei Meter langes verknotetes Wolkengebilde. Aus ihm sind Stimmen (von Schauspielerinnen des Zimmertheaters Tübingen und Computerstimmen) zu hören, die unterschiedliche Texte und Standpunkte zu Datencloud und der Wolke lesen und performen.

Gleichzeitig habe ich reale Wolkenbilder fotografiert und neu konstruiert. Der Versuch des Menschen alles im Griff haben zu wollen, auch die Wolken, das Wetter, scheitert an diesen, bisher noch. Versuche dazu gibt es ja schon.

Laura Deigner: Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen: Wie wird sich das Verhältnis zwischen Natur, Mensch und Technik verändern?

ruthrosa: Wenn wir Natur so definieren, dass es alles Lebendige beinhaltet, dann ist da auf der einen Seite Mensch,Tier, Pflanze usw. und auf der anderen die Technik. Aber stimmt diese Grenze noch? Die Technik hat weit in alles Lebendige eingegriffen, designt Mensch, Tier und Pflanze die gesamte Welt nach seinen Vorstellungen, Zwecken und Gewinn. Ist dieses Grün, das wir als Gras bezeichnen noch Gras? Der Begriff ist der alte, was da wächst ist eine technisch kreierte grüne Masse, die schnell wächst und keine andere Pflanze mehr duldet oder kein Tier mehr zulässt. Tote grüne Fläche für andere Lebewesen. Ist dieser Acker auf dem das Grün wächst noch als Acker zu bezeichnen?  Maschinen GPS gesteuert bearbeiten ihn, oft schon unbemenscht, Furchen so exakt wie am Reißbrett. Ist diese Kuh, die das grüne Zeug fressen muss noch eine Kuh? Sie ist gezüchtet als Hochleistungsmilchtank und stirbt früh.

Gentechnik und Digitalisierung verändert jeden Winkel der Welt in einem Ausmaß wie nie zuvor. Die Natur wird weiterhin auf dem Rückzug sein. Wir Menschen sind längst mit der Technik verschmolzen, Cyborgs, und dieser Trend wird sich fortsetzen.

Ich glaube das wird die Menschheit spalten, in diejenige die ohne digitale Hilfsmittel und gentechnische Optimierung nicht mehr existieren können (aus individuellen Gründen oder zum Teil staatlich verordnet) und jenen die bewusst einen sparsamen und zielgerichteten technischen Einsatz pflegen oder nicht über die Ressourcen verfügen um an technischen Neuerungen teilhaben zu können.   

Laura Deigner: Eine letzte Frage: Ihre Arbeiten waren bisher ausschließlich abstrakt. Nun haben Sie ein figürliches Ölgemälde gemalt. In der Einordnung Ihrer Arbeit: Was sagt diese künstlerische Zuwendung/Inblicknahme zum Menschen aus?

ruthrosa: Meine Arbeiten würde ich nicht als abstrakt bezeichnen, aber sie hatten bisher nicht den Menschen direkt dargestellt. Nun habe ich zwei Frauen mit ihren Kindern auf dem Rücken auf der Flucht, ein langer Weg ins Unbestimmte, und junge Menschen in Myanmar die für ihre Freiheit kämpfen, gemalt. Sie sind teil der Geschichte unserer heutigen Zeit. Die Idee war, sie mit all den anderen Erzählungen ungetrennt zusammen zu bringen, als einzige Erzählung. Das ist aber noch ein Experiment ins Offene.

Laura Deigner: ruthrosa ich danke Ihnen für den spannenden Einblick in Ihre Arbeit und das anregende Gespräch.